Automatische Tür im Fluchtweg bei Stromausfall
Automatische Schiebetüren verhalten sich in der Schweiz bei Stromausfall gegenläufig. Die VKF-Brandschutzrichtlinie 16-15de ordnet im Anhang zu Ziffer 2.5.5 an, dass eine Schiebetüre mit Feuerwiderstand bei Stromausfall selbsttätig schliesst, eine Schiebetüre ohne Feuerwiderstand im Fluchtweg dagegen selbsttätig öffnet. Massgeblich ist damit die Funktion, die das einzelne Bauteil im Ereignisfall zu erfüllen hat.
Kurzfassung
- Die Regel steht im Anhang zu Ziffer 2.5.5 der VKF-Brandschutzrichtlinie «Flucht- und Rettungswege», Dokument-Nr. 16-15de, Ausgabe 01.01.2017, Stand 01.12.2022, auf Seite 21 unter der Überschrift «Automatische Schiebetüren».
- Für die Doppelfunktion als Fluchttüre und Brandschutzabschluss lässt die Richtlinie allein geprüfte und zugelassene Konstruktionen mit eingebauter Flügeltüre zu.
- Anstelle einer solchen Doppelfunktion sind zwei Türen zulässig, nebeneinander [1] oder hintereinander [2]. Die beiden Ziffern stammen aus dem Richtlinientext selbst.
- In der Anordnung [1] schliesst die Schiebetüre mit Feuerwiderstand bei Stromausfall selbsttätig, in der Anordnung [2] öffnet die Schiebetüre ohne Feuerwiderstand bei Stromausfall selbsttätig.
- Den Feuerwiderstand trägt in beiden Anordnungen eine Flügeltüre. In der Anordnung [2] muss sie bei Stromausfall und im Brandfall selbsttätig schliessen.
In der Schweiz
Die Vorgabe ist schweizerisch und amtlich. Sie steht in der Brandschutzrichtlinie «Flucht- und Rettungswege», Dokument-Nr. 16-15de, herausgegeben von der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen, Ausgabe 1. Januar 2017, Stand 1. Dezember 2022, im Anhang zu Ziffer 2.5.5 auf Seite 21. Der Abschnitt trägt die Überschrift «Automatische Schiebetüren» und lautet wörtlich: «Für automatische Schiebetüren, die gleichzeitig die Funktion als Fluchttüre und als Brandschutzabschluss zu erfüllen haben, sind nur geprüfte und zugelassene Konstruktionen mit eingebauter Flügeltüre zulässig. Anstelle solcher Abschlüsse mit Doppelfunktion können auch zwei Türen nebeneinander [1] oder hintereinander [2] angeordnet werden: [1] die automatische Schiebetüre mit entsprechendem Feuerwiderstand schliesst bei Stromausfall und im Brandfall selbsttätig. Damit der Fluchtweg gewährleistet ist, wird neben der Schiebetüre eine feuerwiderstandsfähige Flügeltüre eingebaut; [2] die automatische Schiebetüre ohne Feuerwiderstand öffnet bei Stromausfall und im Brandfall selbsttätig. Vor oder hinter der Schiebetüre wird eine feuerwiderstandsfähige, im normalen Betrieb offenstehende Flügeltüre eingebaut. Sie muss bei Stromausfall und im Brandfall selbsttätig schliessen.» Dieselbe Störung, der Ausfall der Stromversorgung, löst damit an zwei Bauteilen desselben Durchgangs gegenläufige Pflichten aus. Die Zeilenumbrüche des PDF sind beim Zitieren aufgelöst, der Wortlaut ist am lokalen Volltextextrakt Zeichen für Zeichen abgeglichen.
Warum die eine Schiebetüre schliesst und die andere öffnet
Die beiden Anordnungen tragen verschiedene Aufgaben, und daran hängt das Verhalten. Eine Schiebetüre mit Feuerwiderstand gehört zum Raumabschluss. Im Ereignisfall soll sie Feuer und Rauch zurückhalten, und das leistet sie im geschlossenen Zustand. Fällt der Strom aus, fährt sie deshalb zu.
Eine Schiebetüre ohne Feuerwiderstand hat diese Aufgabe nicht übernommen. Sie steht im Fluchtweg und soll den Weg nach draussen freigeben. Ein stromloser Antrieb, der das Blatt in der Schliessstellung festhielte, würde den Fluchtweg versperren. Fällt der Strom aus, fährt sie deshalb auf.
Bei einer automatischen Schiebetüre im Fluchtweg wird das Verhalten bei Stromausfall aus der Aufgabe des Bauteils abgeleitet.
Aus der Aufgabe folgt damit auch die Bewegungsrichtung des Blatts, sobald die Steuerung ohne Energie ist. Die Antriebstechnik allein beantwortet die Frage noch nicht; die Richtlinie stellt auf den Feuerwiderstand ab, und der ist eine Eigenschaft der Konstruktion.
Die zulässige Doppelfunktion und die beiden Ersatzanordnungen
Den Regelfall beschreibt der erste Satz des Abschnitts. Für eine Schiebetüre, die zugleich Fluchttüre und Brandschutzabschluss sein soll, sind nach der Richtlinie «nur geprüfte und zugelassene Konstruktionen mit eingebauter Flügeltüre zulässig». Ein Bauteil, das beides gleichzeitig leistet, bleibt damit möglich, ist aber an eine Prüfung und eine Zulassung gebunden und trägt eine Flügeltüre im Blatt.
Daneben stellt die Richtlinie zwei bauliche Alternativen mit zwei Türen, «nebeneinander [1] oder hintereinander [2]». Die Ziffern in eckigen Klammern gehören zum Richtlinientext; die beiden folgenden Absätze der Richtlinie beziehen sich darauf, und deshalb werden sie hier so wiedergegeben.
In der Anordnung [1] steht die feuerwiderstandsfähige Flügeltüre neben der Schiebetüre und hält den Fluchtweg begehbar, während die Schiebetüre selbst zufährt. In der Anordnung [2] steht die Flügeltüre vor oder hinter der Schiebetüre, im normalen Betrieb offen, und übernimmt den Feuerwiderstand, indem sie bei Stromausfall und im Brandfall selbsttätig schliesst.
Die Flügeltüre trägt in beiden Anordnungen den Feuerwiderstand
Tragend ist in beiden Anordnungen die Flügeltüre. In der Anordnung [1] ist sie der Fluchtweg, in der Anordnung [2] ist sie der Brandschutzabschluss, und die Richtlinie nennt sie beide Male ausdrücklich feuerwiderstandsfähig.
Für die Anordnung [2] formuliert die Richtlinie deren Pflicht als eigenen Satz: «Sie muss bei Stromausfall und im Brandfall selbsttätig schliessen.» In derselben Anordnung steht damit eine Tür, die auffährt, unmittelbar neben einer Tür, die zufährt, und beide Bewegungen hängen an demselben Ereignis.
Der Text nennt zweimal dieselbe Doppelbedingung, «bei Stromausfall und im Brandfall». Der Ausfall der Stromversorgung steht darin als eigenständiger Auslöser neben dem Brand, und das ist der Punkt, an dem diese Regel über eine reine Brandfallbetrachtung hinausgeht.
Wofür der Abschnitt geschrieben ist
Der Abschnitt steht unter der Überschrift «Automatische Schiebetüren» und beschreibt Konstruktionen, die gleichzeitig Fluchttüre und Brandschutzabschluss sind. Geregelt ist das Verhalten eines motorisch bewegten Türblatts ohne Stromversorgung.
Eine handbetätigte Fluchtwegtür, deren Zylinder oder Schloss elektronisch arbeitet, bewegt sich nicht von selbst; ihre Ausfallfrage liegt ausserhalb dessen, was diese Überschrift trägt. Welche Anordnung an einem konkreten Objekt verlangt ist, beurteilt die Brandschutzbehörde, der dieselbe Richtlinie den objektbezogenen Entscheid über die Anwendung von Verschlüssen für Türen in Fluchtwegen zuweist.
Der Wortlaut ist älter als das heutige Regelwerk
Für diesen Eintrag wurde neben der geltenden Fassung auch die Vorgängerfassung eingesehen, die unter der Dokumentnummer 16-03d lief. Der Abschnitt zu den automatischen Schiebetüren steht dort im gleichen Aufbau und nahezu im gleichen Wortlaut. Der Zeichenvergleich der beiden Volltextextrakte ergibt genau sechs Abweichungen in drei Klassen: dreimal die Schreibung nach deutscher Rechtschreibung gegen ss in den Wortformen «schliesst», «muss» und «schliessen», zweimal die Grossschreibung am Absatzanfang bei «[1] die» und «[2] die», und einmal ein Satzzeichen, wo die alte Fassung den Teilsatz zur Anordnung [1] mit einem Punkt abschliesst und die geltende mit einem Strichpunkt. Ausserhalb des Abschnitts weicht die Anhangsstelle selbst ab: In der alten Fassung trug sie die Ziffer 3.5.5, in der geltenden trägt sie die Ziffer 2.5.5.
Daraus folgt zweierlei für die Praxis. Die Regel ist keine Neuerung des Regelwerks von 2015, sondern seit Langem eingeführt. Und ein Papier, das den Abschnitt richtig wiedergibt, kann trotzdem aus der überholten Fassung stammen; welche Fassung vorliegt, sagen die Dokumentnummer im Kopf und der Standvermerk. Auf dieser Seite ist ausschliesslich die geltende Fassung 16-15de mit Stand vom 1. Dezember 2022 zitiert.
Am Bauteil, an dem gearbeitet wird
Für einen Schlüsseldienst ist die automatische Schiebetüre selten der Auftrag. Der Auftrag ist die Flügeltüre daneben oder dahinter, an der ein Schloss, ein Zylinder oder ein Beschlag ersetzt werden soll, und genau dieses Bauteil trägt in beiden Anordnungen den Feuerwiderstand.
Vor einem Eingriff gehört deshalb geklärt, welche der beiden Anordnungen vorliegt und welche Aufgabe die betroffene Tür darin hat. Ob eine Fluchtwegtür zusätzlich einbruchhemmend ausgeführt sein darf, ist eine eigene Frage und steht im Eintrag zum Zielkonflikt zwischen Einbruchsicherung und Fluchtweg; welcher Verschluss an einer Fluchttür überhaupt in Betracht kommt, steht im Eintrag zu Notausgangsverschluss und Panikverschluss.
Alles Weitere folgt aus der Aufgabe, die der Richtlinientext dem Bauteil zuweist, dessen Verhalten er regelt: der automatischen Schiebetüre.
Häufiger Irrtum
In der Schweiz sei eine Fluchtwegsicherung mit Zeitverzögerung zulässig, sofern die Brandschutzbehörde sie bewilligt, und so stehe es in der Richtlinie zu den Flucht- und Rettungswegen.
Die Wörter «Fluchtwegsicherung», «Zeitverzögerung» und «Bewilligung» kommen in der Richtlinie 16-15de, die die Ausgabe vom 1. Januar 2017 mit Stand vom 1. Dezember 2022 trägt, über alle 35 Seiten hinweg jeweils kein einziges Mal vor. Gesagt ist damit etwas über den Wortlaut dieser einen Richtlinie, die objektbezogene Auflagen einer Brandschutzbehörde nicht abbildet. Woher die Wendung stammt und in welchem älteren amtlichen Dokument eine zeitverzögerte Freigabe beschrieben war, steht im Eintrag zum Zielkonflikt zwischen Einbruchsicherung und Fluchtweg. Für die automatische Schiebetüre führt die Richtlinie dagegen eine ausdrückliche Rechtsfolge, und sie hängt am Feuerwiderstand des Bauteils.
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Quellen
- [1]Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen (VKF): Brandschutzrichtlinie «Flucht- und Rettungswege», Dokument-Nr. 16-15de, Anhang zu Ziffer 2.5.5, Abschnitt «Automatische Schiebetüren», Seite 21, Ausgabe 01.01.2017, Stand 01.12.2022
- [2]Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen (VKF): Brandschutzrichtlinie 16-15de, lokaler Volltextextrakt, durchsucht nach «Fluchtwegsicherung», «Zeitverzögerung» und «Bewilligung»; mitgeprüft die Brandschutznorm 1-15de, Suchlauf 03.09.2026, Textstand 01.12.2022
- [3]Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen (VKF): Brandschutzrichtlinie «Flucht- und Rettungswege», Dokument-Nr. 16-03d, überholte Fassung, hier allein zum Vergleich der Fassungen herangezogen und nicht als geltender Wortlaut, Ausgabe 26.03.2003, Stand 20.10.2008
Stand:
Schloss- und Beschlagarbeiten an Türen, für die diese Vorgabe gilt, gehören zum Angebot der VAT365 GmbH, des Betriebs hinter diesem Lexikon. Der Wortlaut auf dieser Seite stammt aus der VKF-Brandschutzrichtlinie; welche Anordnung an einem konkreten Objekt verlangt ist, beurteilt die Brandschutzbehörde und nicht der Betrieb, der an der Tür arbeitet.
An einer Flügeltüre neben oder hinter einer automatischen Schiebetüre nehmen wir vor Ort auf, was an Schloss, Zylinder und Beschlag verbaut und gekennzeichnet ist. Diese Aufnahme haben Sie zur Hand, bevor an der Tür etwas ausgebaut wird.