Lichtschacht und das Kellerfenster
Die beiden Schweizer Präventionsbroschüren benennen den Lichtschacht, nicht das Kellerfenster, und ihre französischen Ausgaben hängen dasselbe Sicherungsprodukt an ein anderes Bauteil als die deutschen. Wo für den Schacht eine Widerstandsklasse zu erwarten wäre, steht in beiden Sprachausgaben stattdessen die Empfehlung, bekannte und bewährte Produkte einzusetzen.
Kurzfassung
- «Riegel vor!» der Schweizerischen Kriminalprävention, dritte Auflage vom Juni 2021, nennt das Bauteil auf der gedruckten Seite 9 «Lichtschachtgitter». Die französische Ausgabe derselben Auflage nennt an derselben Stelle die «grilles de soupirail», also die Gitter des Kellerfensters.
- Die Broschüre von Sicheres Wohnen Schweiz, März 2026, überschreibt den Abschnitt auf der gedruckten Seite 12 deutsch mit «Lichtschächte» und französisch mit «Puits de lumière», benennt das Produkt deutsch aber nach dem Rost und französisch nach der Öffnung.
- Die beiden Schweizer Broschüren sind sich im Französischen nicht einig: Die eine sagt zum Schacht «puits de lumière», die andere sagt durchgehend «soupirail».
- Das Verfahren, zwei Sprachausgaben derselben Broschüre nebeneinanderzulegen, ist in diesem Lexikon eingeführt; hier trägt es eine andere Frage.
In der Schweiz
Zwei frei zugängliche Schriften stehen im Zentrum der Schweizer Empfehlungsliteratur zum Einbruchschutz am Wohnhaus, und beide behandeln den Lichtschacht auf je einer einzigen gedruckten Seite. Kantonale Präventionsstellen, Gebäudeversicherungen und Herstellerunterlagen hat dieser Eintrag nicht beigezogen. «Riegel vor!» erscheint bei der Schweizerischen Kriminalprävention, laut Titelseite «eine interkantonale Fachstelle der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD)», in dritter Auflage vom Juni 2021 auf zwanzig Seiten. «Gegen Einbruch kann man sich schützen» erscheint beim Verein Sicheres Wohnen Schweiz in Olten, Ausgabe März 2026; ihre Datei hat achtundzwanzig Seiten, und die gedruckte Paginierung darin läuft von 2 bis 24. Die zweite Schrift sagt auf diesen achtundzwanzig Seiten neunmal «geprüft» und achtmal «zertifiziert». Das Wort «bewährt» steht in ihr genau einmal, und es steht im Abschnitt über die Lichtschächte: «Setzen Sie bekannte und bewährte Produkte ein und achten Sie auf eine korrekte Montage.» Die französische Ausgabe hat an derselben Stelle die einzige Wendung dieser Art in ihrem ganzen Text: «Il existe de multiples produits sur le marché, privilégiez les équipements connus qui ont fait leur preuve et assurez-vous que le montage est correctement réalisé.» Auch die Kriminalprävention nennt Klassen nur für andere Bauteile: «Es gibt verbindliche Einbruchschutznormen und Widerstandsklassen, auf die Sie bei baulichen Neuanschaffungen bzw. Nachrüstungen (z. B. Türen und Fenster) achten sollten; auch hier lassen Sie sich am besten von Fachleuten beraten.» Woran eine Widerstandsklasse hängt, steht auf der Seite über die Widerstandsklassen.
Der Schacht trägt den Namen, das Kellerfenster trägt keinen
In «Riegel vor!» kommt das Wort «Kellerfenster» auf zwanzig Seiten und 20 489 Zeichen nicht vor. Der Schacht kommt viermal vor, und zwar jedes Mal als Bestandteil des zusammengesetzten Worts «Lichtschachtgitter». In der Broschüre von Sicheres Wohnen Schweiz steht «Kellerfenster» auf ihren achtundzwanzig Seiten und 23 208 Zeichen genau einmal, und zwar im Abschnitt über Haustierklappen, als Beispiel für einen guten Einbauort. Einen eigenen Abschnitt über das Kellerfenster führt sie nicht. Der Schacht dagegen hat in dieser Broschüre einen eigenen Abschnittstitel.
Die Kriminalprävention macht die Abhängigkeit ausdrücklich. Auf der gedruckten Seite 9 steht: «Fenster, denen ein gesichertes Lichtschachtgitter vorsteht, müssen unter Umständen nicht zusätzlich gesichert werden.» Der Satz beschreibt das Fenster als etwas, das hinter dem Gitter liegt, und er gibt dem Gitter den Namen des Schachts. Die Sache hat damit einen Namen, das Fenster darunter keinen.
Weder für den Schacht noch für das Gitter darüber nennen die beiden Schweizer Schriften dort, wo sie den Lichtschacht behandeln, eine Klasse; was dort steht, ist die Empfehlung, bekannte und bewährte Produkte einzusetzen.
Zwei Sprachausgaben, zwei Bezugspunkte
Zwei Sprachausgaben derselben Publikation nebeneinanderzulegen, ist in diesem Lexikon ein eingeführtes Verfahren; auf der Seite zur Balkontür hat es gezeigt, dass eine Kategoriengrenze in zwei Sprachen verschieden scharf verlaufen kann. Hier trägt dasselbe Verfahren eine andere Frage: Gefragt ist, woran der Name eines Produkts befestigt ist.
Die Kriminalprävention hat ihre dritte Auflage in beiden Sprachen im Juni 2021 herausgegeben, in einer Auflage von 50 000 deutschen und 10 000 französischen Exemplaren. Im Fliesstext der gedruckten Seite 9 lautet der deutsche Satz «Lichtschachtgitter sollten massiv verschraubt werden», der französische «Les grilles de soupirail doivent être solidement goujonnées». Dasselbe Gitter, derselbe Satzbau, zwei Bezugspunkte: Die deutsche Ausgabe hängt es an den Schacht, die französische an die Öffnung. Und die Empfehlung, die im Deutschen «Fenster, denen ein gesichertes Lichtschachtgitter vorsteht» sagt, sagt im Französischen «Il n’est pas nécessaire de sécuriser la fenêtre d’un soupirail équipé d’une grille scellée».
Bei Sicheres Wohnen Schweiz verläuft dieselbe Verschiebung an einer anderen Stelle. Der Abschnittstitel heisst deutsch «Lichtschächte» und französisch «Puits de lumière», also in beiden Sprachen der Schacht. Das Produkt darunter heisst deutsch «Gitterrostsicherungen» und französisch, in der Bildlegende desselben Abschnitts, «verrous de sécurité pour soupirail». Der Titel folgt dem Schacht, der Produktname folgt im Deutschen dem Rost und im Französischen dem Kellerfenster.
Zwei Broschüren, zwei französische Wörter
Die beiden französischen Ausgaben sind sich über das Wort nicht einig. Sicheres Wohnen Schweiz führt «puits de lumière» viermal, davon zweimal als Titel «Puits de lumière», und «soupirail» dreimal; damit trennt sie den Schacht von der Öffnung. Die Kriminalprävention führt «soupirail» viermal und kommt ohne «puits de lumière» aus: Bei ihr steht das eine Wort für beides, für die Öffnung und für den Schacht davor. Im Deutschen tragen beide Schriften denselben Wortstamm, im Französischen nicht.
Für einen Kaufentscheid hat das eine Folge. Ein Produktname ist hier keine Bezeichnung des Bauteils, sondern eine Bezeichnung dessen, woran der Verfasser es gerade befestigt gesehen hat. Beim Vergleich zweier Angebote trägt deshalb die beschriebene Sache weiter als das Wort: welches Teil verschraubt wird und worin es verankert wird. Beide Angaben stehen in beiden Broschüren, in beiden Sprachen und ohne Klassenangabe.
Was der Normenkatalog unter diesen Wörtern führt
Was findet man im Schweizer Normenkatalog, wenn man diese Wörter dort sucht? Am 3. September 2026 auf dem deutschen Sprachweg von connect.snv.ch, mit eingeschlossenen zurückgezogenen Dokumenten, führt der Katalog zu «Abhebesicherung», zu «Einsteigesicherung» und zu «Gitterrostsicherung» je kein einziges Dokument. Das sind genau die Produktnamen, die die Schweizer Broschüre für den Lichtschacht nennt. Der durchsuchte Bestand ist derselbe Katalog in derselben Einstellung; die Abfrage ohne Suchwort zählt darin am 3. September 2026 um 17.45 Uhr unter anderem 84 600 Dokumente des DIN, 64 532 der AFNOR und 14 125 der SNV.
Der Sache nach ist das eine Aussage über den Titel- und Volltextindex eines Verkaufskatalogs, nicht über den Inhalt einer Norm und nicht über den Markt. Ein Katalogeintrag belegt, dass es eine Norm gibt, nie was in ihr steht; und wo kein Eintrag steht, ist zunächst nur belegt, dass unter diesem Wort nichts geführt wird. Die Wörter sind ausserdem Schweizer Handelsnamen und keine Normbezeichnungen, weshalb ihr Fehlen im Katalog erwartbar ist und trotzdem etwas zeigt: Es gibt kein Dokument, auf das ein Verkäufer sich für dieses Produkt berufen könnte.
Sucht man stattdessen nach den beiden Bauteilen, kippt der Befund auf die andere Seite. «Kellerfenster» liefert neun Sätze, von denen acht Tellerfedern betreffen; der neunte ist DIN 1137 aus dem September 1923, «Blendrahmenfenster für Kleinwohnungen, Ein- und zweischeibiges Kellerfenster», eine deutsche Norm im Status «Zurückgezogen». Und «Lichtschacht» liefert genau zwei Treffer, beide aktuell, beide auf Deutsch verfügbar und beide aus einer fremden Sache: SN EN 14879-3:2007 über Beschichtungen zum Schutz industrieller Anlagen gegen Korrosion und die DIN-Publikation «Heft 465 DAfStb» über Dichtschichten aus hochfestem Faserbeton. Zwei Treffer, die etwas anderes meinen, sind ein schärferer Befund als gar keine: Sie zeigen, dass die Suche arbeitet. Das Wort «Lichtschacht» steht dabei in keinem ausgegebenen Feld der beiden; woher der Treffer stammt, gibt die Antwort nicht preis, und was sie ausgibt, gehört in den Betonbau.
Gilt das auch in Deutschland?
- Deutschland
- Die Kampagne K-EINBRUCH der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes führt beide Bauteile als eigene Zwischentitel und stellt beide unter «Fenster»: «Kellerfenster» und «Kellerlichtschacht». Zum zweiten heisst es dort wörtlich: «Bei gut gesicherten Kellerlichtschächten kann auf eine Sicherung der Kellerfenster selbst verzichtet werden.» Die Seite «Keller und Dachboden» derselben Kampagne behandelt Kellertüren und Kellerverschläge und führt den Lichtschacht nicht.
- Schweiz
- Die Schweizer Entsprechung steht in «Riegel vor!» auf der gedruckten Seite 9 und ist zweifach eingeschränkt: «Fenster, denen ein gesichertes Lichtschachtgitter vorsteht, müssen unter Umständen nicht zusätzlich gesichert werden.» Der Vorbehalt «unter Umständen» fehlt in der Fassung der deutschen Kampagne. Dazu knüpft die Schweizer Schrift das offene Fenster im nächsten Satz an die Anwesenheit: «Bei Ihrer Anwesenheit können diese Fenster auch offen stehen.» Der deutsche Satz nennt als Bedingung nur den gut gesicherten Schacht.
Quellen [1], [5]
Verwandte Begriffe
Quellen
- [1]Schweizerische Kriminalprävention (SKP): Riegel vor! 7 Tipps, wie Sie Ihr Heim gegen Einbruch schützen sollten, 3. Auflage, deutsche Ausgabe, zitiert sind die gedruckten Seiten 5 und 9, Juni 2021
- [2]Prévention Suisse de la Criminalité (PSC): A double tour ! 7 mesures clé pour sécuriser votre maison contre le vol, 3ème édition, französische Ausgabe derselben Auflage, zitiert ist die Seite 9, juin 2021
- [3]Sicheres Wohnen Schweiz SWS, Olten: Gegen Einbruch kann man sich schützen. Einbruchhemmende Massnahmen, deutsche Ausgabe, zitiert ist die gedruckte Seite 12, März 2026
- [4]Sécurité et habitat Suisse SHS, Olten: On peut se protéger des cambriolages. Mesures anti-effraction, französische Ausgabe derselben Broschüre, zitiert ist die Seite 12, mars 2026
- [5]Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes: K-EINBRUCH, Sicherheitstipps Fenster, Abschnitte Kellerfenster und Kellerlichtschacht, sowie Sicherheitstipps Keller und Dachboden, abgerufen am 3. September 2026
- [6]Schweizerische Normen-Vereinigung (SNV): Normenkatalog connect.snv.ch, deutscher Sprachweg, Suche mit eingeschlossenen zurückgezogenen Dokumenten; Suchwörter Abhebesicherung, Einsteigesicherung und Gitterrostsicherung je 0 Treffer, Kellerfenster 9 Treffer, Lichtschacht 2 Treffer, abgefragt am 3. September 2026
Stand:
Die Broschüre von Sicheres Wohnen Schweiz trägt das Datum März 2026 und nennt für den Lichtschacht kein geprüftes Produkt und keine Klasse. Seither steht der Betrieb, der dieses Lexikon verantwortet, mit seinem eigenen Leistungsverzeichnis daneben: Er wirbt unter «Einbruchsicherung» mit einer kostenlosen Schwachstellen-Analyse an Türen, Fenstern und Nebeneingängen sowie mit «Versicherungskonforme Produkte (VdS, RC2/RC3)», und in seiner eigenen Aufzählung der mechanischen Grundsicherung kommt der Lichtschacht nicht vor. Er montiert und verkauft Nachrüstungen und verdient daran. Dieser Eintrag gibt deshalb wieder, was die beiden Broschüren schreiben, und überlässt die Auswahl eines Produkts der Leserin.
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